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WERKWANDEL 2_2022

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WERKWANDEL -Schwerpunktausgabe Nachhaltigkeit WERKWANDEL widmet Nachhaltigkeit eine Sonderausgabe und betrachtet die Aktivitäten rund um das Thema aus verschiedenen Perspektiven: Wie gehen kleine und mittlere Unternehmen mit den Anforderungen um? Wie wird ein Nachhaltigkeitszielbild entwickelt? Welche Zukunftstechnologien können nachhaltig zur Wettbewerbsfähigkeit beitragen? Und wie unterstützen Wissenschaft und Verbände die Unternehmen?

WERKWANDEL 02/2022 Zukunftsgespräch Logo des Deutschen Nachhaltigkeitspreises | Foto: © Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis e. V. (DNP) »Wir wollen das Weiterdenken fördern und Hürden überwinden.« Interview mit Professor Günther Bachmann, Vorstandsmitglied der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis e. V. Günther Bachmann ist Nachhaltigkeits- und Umweltwissenschaftler, Redner und Publizist. Er ist Vorstandsmitglied der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis e. V. (DNP) und Regierungsberater. Im Gespräch mit Nicole Ottersböck äußert er sich über aktuelle Herausforderungen und Chancen der Nachhaltigkeit für Unternehmen sowie die Wirtschaft insgesamt. Herr Bachmann, Sie feiern 2022 das 15-jährige Bestehen des Deutschen Nachhaltigkeitspreises. Was hat sich in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten in puncto Nachhaltigkeit in der Wirtschaft verändert? Und wie wird diese sich in Zukunft verändern müssen? Günther Bachmann: Heute kommt niemand mehr um die Nachhaltigkeitsfrage herum. Aufsichtsräte und Vorstände befassen sich damit. Nachhaltigkeit ist ein Jobmotor, Ausbildungsordnungen wurden geändert, Dekarbonisierung ist der Ernstfall, die Kreislaufwirtschaft ist ein reiches Feld von Ideen. Wohlgemerkt: Nichts, was wir heute feiern, reicht aus, um auch in zwanzig Jahren zu feiern. Der Naturverlust ist schneller als die Lösungen. Krieg und Unfrieden wachsen schneller als die Brücken, die eine vernünftige Nachhaltigkeitspolitik heute baut. Welches Ziel verfolgt der Deutscher Nachhaltigkeitspreis? Bachmann: Wir wollen das Weiterdenken fördern und Hürden überwinden. Vor fünfzehn Jahren stürzte die Lehman-Pleite ganze Volkswirtschaften in Trübsinn. Klimaschutz und Nachhaltigkeit wurden nachrangig. »Jetzt erst recht« dachten wir uns. Wir setzten auf die bürgerschaftliche Verantwortung vieler Stakeholder. Wir haben das notgedrungen getan. Denn eine Rundum-Förderung durch Institutionen oder Verbände gab es nicht. 36

WERKWANDEL 02/2022 Zukunftsgespräch Warum ist eine nachhaltige Wirtschaftsweise so wesentlich für die Zukunft? Bachmann: Weil die dominierende Wirtschaftsweise schlicht nicht funktioniert, nicht richtig zählen kann und weder dem Planeten noch dem Menschen gut tut. Weil fossil-basierte Volkswirtschaften zu Gewalt und Krieg tendieren. Bachmann: Konzepte allein begeistern mich nie. Mich begeistern das praktische »Weniger«, die nachhaltige Digitalisierung, der klimafreundliche Grundstoff aus grünem Stahl, Zement und Ammoniak. Und mich begeistern die Werte und Haltungen, die dabei eine Rolle spielen. Organisationen müssen lernen, Zielkonflikte zu sehen und kluge Prozesse zu schaffen. Da ist noch viel Luft nach oben. Günther Bachmann Professor Günther Bachmann | Foto: privat Wie viele Unternehmen bewerben sich in der Regel um den Nachhaltigkeitspreis? Ist in den vergangenen Jahren eine steigende Tendenz der Bewerbungen zu erkennen? Bachmann: Über alle Kategorien sind es jährlich rund 1000 Bewerbungen. Neue Namen überwiegen, und Wiederholungstäter zeigen die Dynamik, aus einem »Gut« ein »Besser« zu machen. Wenig vertreten sind etwa die Verkehrstechnik, die Baubranche, die Gesundheitswirtschaft, der Sport und die Fleischverarbeitung. Welche Kriterien legt der DNP zur Bewertung der eingereichten Nachhaltigkeitskonzepte zugrunde? Bachmann: Die Anforderungen sind über die Jahre gestiegen. Am Anfang fragten wir, ob ein Unternehmen die Herausforderung verstanden und sich bezogen auf Nachhaltigkeit aufgestellt hat. Dann fokussierten wir sehr stark auf Ziele und eine Strategie. Heute ist es unabdingbar, dass ein Unternehmen echte und harte Leistungen bei der Transformation vorlegen kann. Letzteres gilt in allen Teil-Wettbewerben: Es geht um die transformative Praxis. Welches unternehmerische Nachhaltigkeitskonzept hat Sie besonders begeistert? Vor welchen Herausforderungen stehen Unternehmen, die sich nachhaltig aufstellen wollen? Bachmann: Die Herausforderung ist, mit nachhaltigen Produkten und Herstellungsprozessen den dominierenden Standard zu setzen. Zwischendurch nervt es, wenn ohne die Umsetzung von Nachhaltigkeitsgrundsätzen Geld verdient oder das Label »klimaneutral« missbraucht wird, weil Standards fehlen. Die Biodiversität ist das Stiefkind –und das zu überwinden, ist eine große Hürde. Die gesamte Belegschaft mitzunehmen, ist oft auch eine Herausforderung. Hier fehlen noch neue und breitenwirksame Informations-Tools, um Beschäftigte für eine nachhaltige Wertschöpfung zu begeistern. Führung, Werte, Kultur, Kompetenzen — welche organisationalen Voraussetzungen — benötigen Betriebe für eine erfolgreiche nachhaltige Transformation? Bachmann: Harte Transformation per Gesetz und Ordnungsrecht ist unvermeidlich, aber oft schwächer als weiche Transformation durch Initiative, Wagnis und Vormachen. Das macht den DNP wichtig. Weiche Faktoren sind für Betriebe und Nonprofit-Organisationen oft zentral: als wertebasierte Unternehmenskultur, Aufmerksamkeit, Fehlerfreundlichkeit, Kultur der Anerkennung und Kooperation. Die »Denke« entscheidet, wo es schneller, unsicherer, volatiler und komplexer zugeht. Und — wenn man ehrlich ist — wo ist das nicht der Fall? Organisationen müssen lernen, Zielkonflikte zu sehen und kluge Prozesse zu schaffen. Da ist noch viel Luft nach oben für runde Tische von CEOs und Multistakeholder-Dialoge. 37

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